Interdisziplinarität braucht Tiefe – warum ein Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht sinnvoll und notwendig ist
Die gymnasiale Bildung im Kanton Zürich steht vor einer wichtigen Weiterentwicklung. Mit dem neuen Rahmenlehrplan für Maturitätsschulen soll Interdisziplinarität gefördert, gesellschaftliche Relevanz erhöht und die Studierfähigkeit vertieft werden. Zwei neue interdisziplinäre Schwerpunktfächer sind derzeit in Planung:
- Nachhaltige Gesellschaft (Geografie, Wirtschaft und Recht)
- Politik, Recht und Wirtschaft (Geschichte, Wirtschaft und Recht)
Beide Ansätze greifen zentrale Themen der Gegenwart auf – Klimawandel, politische Systeme, globale Wirtschaft –, doch sie werfen auch grundlegende Fragen auf: Was passiert mit der Tiefe der bisherigen Fächer? Wie viel Wirtschaft und wie viel Recht bleibt in diesen Kombinationen tatsächlich übrig?
Interdisziplinarität braucht ein eigenes Zeitgefäss – nicht ein Ersatzfach
Ich teile die Zielsetzung des Rahmenlehrplans ausdrücklich: Schülerinnen und Schüler sollen lernen, komplexe Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Doch Interdisziplinarität funktioniert nur auf Basis fundierter Fachkompetenzen.
Wer wirtschaftliche, rechtliche oder historische Zusammenhänge durchdringen will, muss zunächst verstehen, wie ökonomische Modelle funktionieren, was Rechtsnormen bedeuten oder wie politische Systeme aufgebaut sind. Erst auf dieser Grundlage wird eine sinnvolle, fächerübergreifende Auseinandersetzung möglich.
Deshalb ist ein eigenes Zeitgefäss für Interdisziplinarität nötig – beispielsweise in Form von Projektmodulen, Maturitätsarbeiten oder fächerübergreifenden Spezialwochen. Ein interdisziplinäres Schwerpunktfach kann die gründliche fachliche Ausbildung nicht ersetzen.
Das Fach Wirtschaft und Recht: bewährt, beliebt, zukunftsrelevant
Das bisherige Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht umfasst in der Regel 16 – 17 Jahreswochenlektionen. Es hat sich über Jahre als tragende Säule der gymnasialen Bildung etabliert – sowohl bei den Lernenden als auch aus Sicht der Studien- und Berufsvorbereitung. Ich plädiere deshalb dafür, dass es mit mindestens 12 Jahreswochenlektionen erhalten bleibt – auch im Rahmen künftiger Strukturen. Dafür sprechen zentrale Argumente:
- Relevanz für Studium und Beruf:
Wirtschaft und Recht sind grundlegende Zugänge zu Studiengängen wie Jus, Wirtschaft, Politikwissenschaften oder Sozialwissenschaften. Auch für die spätere gesellschaftliche Teilhabe sind diese Kenntnisse essenziell. - Förderung überfachlicher Kompetenzen:
Argumentieren, verhandeln, rechtlich denken, systemisch analysieren – das Fach schult Fähigkeiten, die weit über den Fachinhalt hinausgehen. - Ein bewährtes Erfolgsmodell:
Das Fach ist beliebt, greifbar und praxisnah. Es spricht sowohl leistungsstarke als auch praxisorientierte Lernende an und ist eine Brücke zwischen Theorie und Lebenswirklichkeit. - Vertiefung statt Verflachung:
Die geplanten interdisziplinären Fächer drohen, zu breit zu werden. Rechtliche und wirtschaftliche Grundlagen benötigen Zeit, um verstanden und angewendet zu werden. Wird diese Zeit nicht eingeräumt, verliert das Fach an Tiefe. - Kein echter Ersatz:
Weder Nachhaltige Gesellschaft noch Politik, Recht und Wirtschaft können die Systematik und Tiefe juristischer oder wirtschaftlicher Denkweisen vollständig abbilden. Es entsteht ein „Zwitterfach“, dem die klare Ausrichtung fehlt.
Fazit: Vielfalt ermöglichen – Substanz bewahren
Die Idee interdisziplinärer Schwerpunktfächer ist wertvoll und zukunftsgerichtet. Nachhaltige Gesellschaft bietet sinnvolle Verknüpfungen zwischen Raum, Ressourcen und Ökonomie. Politik, Recht und Wirtschaft verbindet historische und ökonomische Perspektiven mit institutionellem Denken.
Doch beide Konzepte dürfen nicht zu Lasten der fachlichen Tiefe gehen.
Interdisziplinarität ist kein Ersatz für Fachlichkeit – sie baut auf ihr auf.
Das Fach Wirtschaft und Recht sollte deshalb mindestens mit 12 Jahreswochenlektionen erhalten bleiben – zuzüglich der vier Jahreslektionen im Grundlagenfach. Es ist nicht zielführend, wenn in einem interdisziplinären Fach 75 % der Zeit für die Vermittlung fachlicher Grundlagen verwendet werden müssen.
Für die echte interdisziplinäre Bearbeitung komplexer Fragestellungen braucht es ein separates, zusätzliches Zeitgefäss. Ideal wäre ein interdisziplinäres Modul mit z. B. 4 Jahreswochenlektionen in den letzten beiden Schuljahren. So können Schülerinnen und Schüler ihr Wissen aus den gewählten Schwerpunktfächern gezielt und vertieft einbringen – und interdisziplinäres Denken wird auf einem tragfähigen Fundament aufgebaut.
Es braucht keine Entweder-oder-Lösung. Es braucht kluge Kombinationen. Und die bildungspolitische Verantwortung, Inhalte mit fachlicher Tiefe zu sichern.